Leseprobe „Mach mir’n Kind“

Bevor es richtig ernst wurde

Eigentlich konnte ich mir eigene Kinder nie vorstellen. Eigentlich. Dann traf ich diese Frau.
Nach nur drei Monaten eröffnete sie mir bei einem Spaziergang am Strand, dass für sie eine Beziehung ohne das Ziel „Familie“ nicht infrage käme. Da stand ich also – irgendwo an der Ostsee blinzelnd in der Sonne. Etwas sprachlos, aber was sollte ich machen, ich fand sie toll. Und zwar so richtig. Also tat ich das einzig Mögliche und sagte: „Mit dir kann ich mir alles vorstellen.“
Und so begann das Projekt „Vater werden“.

Die erste Zeit hatten wir Spaß. Spaß an uns, Spaß am Sex, Spaß an der Idee, eine Familie zu gründen.
Wir sagten uns, man dürfe das Thema einfach nicht zu verkrampft angehen, und wir wären auch nicht so die Typen, die nach Terminplan Sex haben etc. Wir wollten das mit dem Kinderkriegen einfach auf uns zukommen lassen.
Gern erinnere ich mich an die Weltmeisterschaft in dem Jahr … also nicht an die Spiele … mehr an die Halbzeiten. Allerdings waren wir im Juni dann doch auch schon sechs Monate dabei, und es hatte einfach noch nicht geklappt. Machte ich mir Gedanken? Nein. Hatte ich das Gefühl, dass meine Liebste sich zu sehr auf das Thema einschoss? Nun, ehrlich gesagt, zu diesem Zeitpunkt habe ich die Zeichen noch nicht so recht erkannt. Aber dass sie nicht glücklich wirkte, wenn sie beim Einkaufen mal wieder ein Päckchen Tampons in den Einkaufswagen warf – natürlich mit betont gleichgültiger Miene, wofür ich sie nur umso mehr liebte –, fiel sogar mir auf.
Um sie etwas abzulenken, machte ich ihr kurzerhand einen Heiratsantrag, und ohne das Ziel „Baby“ aus den Augen zu verlieren, begann sie eine Traumhochzeit zu planen. Um ihr noch informelles „Ja“ zu feiern, fuhren wir ein paar Tage ans Meer.
„Weißt du“, sagte die nunmehr süßeste Bald-Ehefrau der Welt, „das hatte ich mir wirklich gewünscht. Nun werden wir von Anfang an eine richtige Familie sein, mit einem Familiennamen, wenn das Baby kommt. Jetzt klappt es bestimmt.“ Sie schmiegte sich an mich, und ich wusste, jetzt würde es auf jeden Fall klappen, denn die letzte psychologische Hürde war genommen. Also lehnte ich mich zurück und genoss.

Denn was sollte schon passieren? Jeder kriegte doch Kinder, oder? Manche sogar versehentlich oder gegen ihren Willen. Auch ich hatte mich genau genommen seit meiner ersten Freundin immer nur mit der Frage beschäftigt: „Wie kann ich den Spaß haben, OHNE hinterher mit schreienden, sabbernden und schieternden Konsequenzen leben zu müssen?“ Aber nie mit dem Gedanken, was wäre, wenn ich eben nie Vater würde. Wozu auch? Hat doch bisher immer alles gepasst.

Fehlstart

„Ich bin drüber.“
Ich hebe den Blick von meinem Müsli, verdränge den Gedanken an die bevorstehende Betriebsratssitzung, für die ich noch die Tagesordnung ausarbeiten muss, und versuche, auf den erwartungsvollen Blick der süßesten Verlobten der Welt angemessen zu reagieren: Ich kaue langsamer und lasse mir den Satz noch mal durch den Kopf gehen.
Während ihre Anspannung schon einen ärgerlichen Zug bekommt, schaltet mein Gehirn lieber auf Leerlauf, also heißt es Zeit schinden: „Du bist drüber?“
„Ja.“ Sie strahlt mich an und rutscht auf dem Stuhl hin und her. Auch für mich als Unwissenden ist ihre offensichtliche Aufregung ansteckend.
„Wie lange?“, frage ich und vergesse kurz das Müsli und die Betriebsratssitzung.
„Zwei Tage.“ Sie strahlt noch mehr.
„Das ist ja noch nicht sehr lange.“
Das war eindeutig nicht, was sie von mir hören wollte. Ihre Mundwinkel zucken nach unten und in ihren Augen funkelt es. Verflixt, mein Taktgefühl scheint heute Morgen verpennt zu haben.
Okay, jetzt schnell das Richtige sagen. Meine pragmatische Seite ruft innerlich sämtliche Statistiken ab, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine zweitägige Verzögerung ihrer Periode wirklich von einer Schwangerschaft herrührt. Listenweise fallen mir Gründe ein, warum dieser Fall auch ganz ohne die gewünschte Ursache eintreten könnte. Sag das bloß nicht! Vor meinem inneren Auge dreht sich ein übergroßes Blaulicht wie in einem Comic.
Langsam lege ich den Löffel zurück und spiele so auf Zeit, um meine Antwort sorgfältig zu erwägen. Sie sieht mich gespannt und so erwartungsvoll an, dass mir alle Zweifel, Bedenken und Gegenargumente direkt im Hals stecken bleiben. Ich schlucke.
„Und hast du schon einen Test gemacht?“, frage ich stattdessen. Wollen wir doch nicht gleich jeden Realismus über Bord werfen.
„Nein, noch nicht“, sagt sie und rutscht schon wieder auf ihrem Stuhl herum, „aber ich war auch extra noch nicht auf der Toilette.“ Was eindeutig das Hin- und Hergerutsche auf dem Stuhl, mir allerdings nicht ihren intensiven Blick und den angehaltenen Atem erklärt.
„Hm“, mache ich und versuche, es besonders bedeutungsschwanger klingen zu lassen, ohne dabei meine komplette Ahnungslosigkeit preiszugeben.
„Edeka hat aber welche.“
Jetzt hat sie mich endgültig abgehängt. Was fange ich am frühen Morgen mit der Information an, dass der Supermarkt unten im Haus Schwangerschaftstests im Sortiment hat? Verzweifelt greife ich zu meinem Glas Orangensaft. Ich hasse es, wenn ich einfach nicht dahinterkomme, was sie mir sagen will. Die Sekunden verrinnen, auf meiner Stirn bildet sich eine Schweißperle, aber die Lösung für ihr Rätsel will mir einfach nicht einfallen. Schließlich gebe ich auf und meine Ahnungslosigkeit zu. „Und?“
„Na ja, wenn du eben runterspringst und einen kaufst, können wir ihn gleich machen.“
Wie elektrisiert springe ich auf. Eine klare Handlungsanweisung! Das kann ich, und noch dazu mit der Aussicht auf ein echtes Ergebnis. Super! Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät mir, dass der Supermarkt tatsächlich vor fünf Minuten geöffnet hat. Also greife ich Portemonnaie, Schlüssel und meine Jacke und sprinte die Treppen hinunter. Mit jedem Schritt fällt auch bei mir der Groschen, dass wir gleich eine sehr reale Gewissheit darüber haben werden, ob wir schwanger sind. Mir läuft es heiß und kalt über den Rücken. Der Tragweite dieser Erkenntnis kann auch ich mich nicht entziehen. Kurz wird mir schwindelig, und ich halte mich am Treppenlauf fest. Dann gewinnt allerdings mein angeborener Realismus wieder die Oberhand, und mit jeder weiteren Stufe kehrt mein inneres „Schaun mer mal“ zurück. Ein Hauch Aufregung bleibt.
Im Supermarkt ist noch nichts los. Die Verkäuferin wirkt müde und nicht besonders beeindruckt, dass ich um 7.07 Uhr nur einen Schwangerschaftstest kaufe. Gut so, denn mir will auch gerade überhaupt kein flotter Spruch als mögliche Replik einfallen. Ich schnappe mir nur das Wechselgeld und den Test und sprinte wieder in den zweiten Stock hinauf.
Die süßeste Verlobte erwartet mich bereits mit geröteten Wangen an der Tür, gibt mir noch einen Kuss und verschwindet dann ins Bad.
Nach einer gefühlten Ewigkeit – ungefähr genauso lange, wie wenn man mit Frühstückshunger auf ein Drei-Minuten-Ei wartet – kommt sie mit dem Test in der Hand zurück und setzt sich wieder zu mir an den Tisch.
Ich starre auf die beiden Felder, von denen sich das linke langsam hellblau verfärbt. „Und jetzt?“
„… müssen wir warten“, erklärt sie flüsternd und starrt den Test an, als könne sie kraft ihrer Gedanken dessen Ergebnis beeinflussen.
Ich tue es ihr gleich und behalte aufmerksam die beiden Felder im Auge.
Auch das zweite Feld wird hellblau, und langsam zeichnet sich ein dunkelblauer Strich darin ab.
„Ha“, entfährt es mir, und ich will schon aufspringen und meinen Heldensamen feiern. Doch sie legt mir eine Hand auf den Arm.
„Warte.“ Sie flüstert immer noch. „Das ist nur das Kontrollfeld. In dem anderen muss auch ein Strich auftauchen, damit der Test positiv ist.“ Ich blicke noch mal auf das linke Feld.
„Das kann ein paar Minuten dauern“, fügt sie hinzu. Wir starren. Wir warten. Und wir warten noch etwas länger. Nach einer halben Stunde – das hellblaue Feld ist unverändert linienfrei – sitzen wir beide mit hängenden Schultern da. Wir sind nicht schwanger.
Tapfer lächelt mich die süßeste Ehefrau an: „Egal, dann klappt es halt nächstes Mal.“
„Genau“, sage ich und bemühe mich um einen leichten Tonfall, „und nachher üben wir noch mal.“ Sie nickt nur abwesend, und ich entsorge den unglücklichen Test zusammen mit den Resten unseres Frühstücks.
Komisch, obwohl ich nach wie vor davon überzeugt bin, dass es auf jeden Fall klappen wird, ist meine Stimmung erstaunlich gedämpft, da es noch nicht so weit ist. Zum ersten Mal blitzt in meinem Kopf bewusst die Frage auf, was es eigentlich bedeuten würde, Vater zu sein – oder eben nicht sein zu können.
Auf dem Fuße folgt ihr: Leere. Spontan fällt mir weder auf den einen noch auf den anderen Teil der Frage eine Antwort ein. Tief in meinem Innern muss ich mir aber eingestehen, dass ich nicht uneingeschränkt unglücklich über die Aussicht bin, dass es noch etwas dauern wird. Ein nicht ganz kleiner Teil von mir verharrt wohl noch in dem „ein Glück, fürs Erste ändert sich nix“. Doch noch ein Gedanke mischt sich ein: Es hat nicht geklappt – du Lusche! Und plötzlich bekommt die eben noch propagierte Leichtigkeit, mit der ich dem Kindermachen und -kriegen gegenüberstehen möchte, einen kaum wahrnehmbaren Knacks.
Und was wollte ich noch auf die Agenda für den Betriebsrat setzen?

Schwimmerqualitäten

„Vielleicht sollten wir uns beide mal untersuchen lassen.“
Ich hebe die müden Augen von meinen Spaghetti Carbonara und sehe die beste Verlobte der Welt an. Sie hält den Blick gesenkt und dreht konzentriert Spaghetti auf ihrer Gabel auf.
„Hm“, mache ich und kaue langsam weiter. Mehr geht einfach nicht. Es war ein langer Tag, und mir stecken die drei Meetings noch in den Knochen, die ich heute Nachmittag in einem wahren Marathon hinter mich gebracht habe. Der Stau auf der Autobahn nach einem Lkw-Unfall hat mir dann den Rest gegeben. Nun bin ich seit einer knappen halben Stunde zu Hause, und meine Gedanken drehen sich nur noch ums Schlafen. Mein letztes bisschen Haltung geht dafür drauf, nicht mit dem Kopf in die Pasta zu fallen.
„Also ich meine, du solltest dich auch untersuchen lassen.“
Der Nachdruck in ihrer Stimme lässt mich aufhorchen. Ich blicke sie noch einmal von unten an, und siehe da, plötzlich ist da schon wieder dieser entschlossene Blick. Den hat sie neuerdings öfter – vor allem, wenn es um das Babythema geht. Mittlerweile kenne ich die beste Verlobte der Welt schon sehr genau: Der Blick sagt klar, hier ist ihr etwas wirklich wichtig.
Ich bin total überwältigt von meiner Beobachtungsgabe und will mir gerade innerlich für diese übermenschliche Leistung auf die Schulter klopfen, als es mir dämmert: Mein verschlafenes Gehirn hat vergessen, was sie gesagt hat. Jetzt werde ich plötzlich sehr schnell noch mal wach, aber ihre Aussage fällt mir trotzdem nicht wieder ein. Oder war es gar eine Frage?
„Entschuldige mal, wie bitte?“
Offensichtlich ist jetzt irgendwas gehörig schiefgegangen, denn sie schiebt sichtbar die Unterlippe vor, und auf ihrer Stirn bildet sich auch gleich wieder diese steile, kleine Falte zwischen den Augenbrauen.
„Wieso, oder meinst du, es kann nur an mir liegen, dass wir noch nicht schwanger sind?“ Sie schiebt mit Schwung ihren Teller weg und lehnt sich mit verschränkten Armen zurück.
O Gott, na, da habe ich ja was Schönes angerichtet. Hektisch suche ich nach der richtigen Rechtfertigung. „Nein, so hab ich das natürlich gar nicht gemeint.“
„Ach nein?“
„Nein …“
„Na, dann ist ja gut, dann kannst du dich ja auch untersuchen lassen, ich hab schon einen Termin für dich bei Dr. Sandkol gemacht.“
Ich schlucke. Beim Urologen? Ich? Wieso denn? Ich will gerade ansetzen etwas zu sagen, als sie aufsteht und Anstalten macht, mir meinen noch halbvollen Teller wegzuziehen.
„Am Dienstag um 17 Uhr.“
„Okay“, erwidere ich schnell und halte den Teller fest. Besänftigt lässt sie los und ich glaube, sie bei einem Lächeln zu erwischen, als sie mit ihrem Geschirr in die Küche verschwindet.
Habe ich hier etwa irgendwas nicht mitbekommen?

Natürlich gibt es keine weitere Diskussion zu dem Thema, also finde ich mich am Dienstag um 17 Uhr wie verabredet bei Dr. Sandkol ein. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal hier gewesen bin. Dann fällt es mir doch wieder ein, die Harnwegsinfektion. Autsch, das hat wehgetan, ist aber auch mindestens sieben Jahre her. Das Wartezimmer hat sich nicht verändert. Ich glaube, die Wände waren damals schon hellblau. An die Sprechstundenhilfe hingegen erinnere ich mich nicht. Eine burschikose Endvierzigerin mit kurzen roten Locken und einem sehr pinken Lippenstift.
„Ja, bitte?“, strahlt sie mich an.
„Ähm, ich hab einen Termin zur Untersuchung …“, ich blicke mich um und senke, obwohl wir allein im Vorraum sind, die Stimme eine Nuance, „na, wegen der … ähm … Fruchtbarkeitsuntersuchung.“
Ihr Lächeln wird noch etwas breiter, und in ihre Augen tritt etwas  … ja, was mag es wohl sein? „Mitleid“ schießt es mir durch den Kopf, und seit Jahren bekomme ich das erste Mal wieder rote Ohren. Sie lehnt sich verschwörerisch vor und senkt ebenfalls die Stimme.
„Na, dann wollen wir mal schauen, wie es um ihre kleinen Kerle so bestellt ist. Füllen Sie bitte diesen Fragebogen aus und nehmen Sie schon mal im Wartezimmer Platz. Der Doktor ruft Sie dann rein. Und nicht den Urintest vergessen!“ Sie wedelt mit einem Becher.
Schnell ergreife ich den Bogen, den dargebotenen Kugelschreiber und den Becher und ziehe mich in die äußerste Ecke des Wartezimmers zurück.
„Wie es um meine kleinen Kerle bestellt ist?“ Na, das kann ich ihr sagen: Bestens! Ich grummele stumm vor mich hin und werfe unauffällige Blicke in die Runde. Bei den anderen Wartenden erscheint mir die Frage viel vordringlicher, aber bei mir?
Schräg gegenüber sind zwei Türen, auf der einen steht Labor, die andere ist mit einem kleinen „besetzt“-Schild markiert. Ich versuche krampfhaft, nicht darüber nachzudenken, was in einer Urologischen Praxis im Raum neben dem Labor so abgeht – oder wem da gerade … und schon habe ich das schlimmste Kopfkino.
„O Gott“, durchzuckt mich ein Gedanke, „hoffentlich muss ich nicht gleich hier und jetzt eine Probe abgeben.“ So spontan kann ich garantiert nicht. Also nicht, dass ich nicht auch super spontan könnte – wenn ich wollte. Aber hier und jetzt mit einem Becherchen im Raum neben dem Labor … Ich schließe die Augen. Eine feine Schweißschicht bildet sich auf meiner Stirn. „Hallo mal? Realismus an Panik: Maul halten! Wir können immer, und unser Motto lautet: Allzeit bereit.“

Kurze Zeit später werde ich von Dr. Sandkol hereingerufen. Hatte der letztes Mal nicht auch noch mehr Haare? Egal, dass mir aber auch immer so Unwichtigkeiten durch den Kopf gehen müssen, wenn es ernst wird. Wir setzen uns, und er beginnt sofort eifrig auf der Tastatur seines PCs herumzutippen.
„So, Sie wollen ein Spermiogramm machen lassen?“
Ich sehe ihn stumm an.
„Eine Fruchtbarkeitsuntersuchung?“, hakt er nach.
Ich räuspere mich. „Also, genau genommen will meine Frau, dass …“
Er wirft mir einen Blick zu, der sagt: „Ja, das sagen sie alle.“
Ich schlucke. „Ja“, knirsche ich durch die Zähne.
Ohne Umschweife legt er los: „Die wichtigsten Gründe für die männliche Unfruchtbarkeit sind: erstens Fehlfunktionen im Genitalbereich, die es unmöglich machen, dass der Samen während des Geschlechtsverkehrs tief genug in die Vagina gelangt, zweitens Errektionsstörungen, drittens Alterationen der Samenproduktion – also die Abnahme der Quantität und der Qualität des Samens – und nicht zuletzt durch das Alter des Mannes …“, bilde ich mir das ein, oder schaut er mich jetzt besonders intensiv an? „… Viertens eine anormale Lage der Harnröhre zum Beispiel durch eine stark ausgeprägte Krümmung des Penis oder nicht zuletzt starkes Übergewicht.“
Er nimmt eine rahmenlose Lesebrille zur Hand, poliert sie und setzt sie auf, um mich über ihren fehlenden Rand hinweg anzusehen.
„Na, zumindest Letzteres habe ich auf keinen Fall“, ich grinse den Arzt an, der teilnahmslos dreinblickt. Ich hüstele. „Und so alt bin ich ja ein Glück auch noch nicht.“
Wieder sieht der Arzt erst mich kurz an und wirft dann noch einen Blick in die Akte: „38, oder?“
Ich nicke.
„Nun ja, damit gehören Sie schon zu den älteren Vätern.“
Schlagartig fühle ich mich wie Methusalem und werde etwas kleiner auf meinem Stuhl. Er fährt fort: „In etwa 30 Prozent der Fälle ist der Mann für eine ausbleibende Schwangerschaft verantwortlich. In 30 Prozent ist es die Frau, und in weiteren 20 Prozent eine Verkettung von beiden. Bei den letzten 20 Prozent findet man die Ursachen leider nie.“
Ich nicke nur und denke: „Spaßbremse.“
Wieder fährt Dr. Sandkol ungerührt fort: „Zur Untersuchung der männlichen Fruchtbarkeit wird also wie erwähnt das sogenannte Spermiogramm angefertigt. Eine Analyse, bei der wir die Anzahl, Aktivität und Form der Spermien testen. Ein Ergebnis, das schnell und einfach zur Befruchtung führen würde, wäre eine Spermienzahl von mehr als 39 Millionen im Ejakulat mit mindestens 32 Prozent progressiver Beweglichkeit und mindestens 4 Prozent mit normaler Form. Bei einer geringeren Anzahl nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft hingegen beträchtlich ab.“
Ich frage mich, ob es zu einem späteren Zeitpunkt einen Test geben wird, zu dem ich diese Zahlen parat haben sollte, habe sie allerdings schon vergessen, ehe ich die Frage in meinem Kopf fertig formuliert habe. Der Doktor redet immer noch: „Ursachen für Anomalien in den Spermien können unter anderem Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen, Nieren- und Leberinsuffizienz, aber auch die Einnahme bestimmter Medikamente sowie Drogen, Tabak und Stresssituationen sein.“
Stress? Mein Hals ist wie zugeschnürt. Meint er etwa solchen wie jetzt gerade?
„Hm“, mache ich.
„Gut, dann bekommen Sie vorn gleich ein Einmalset ausgehändigt, um Ihre Probe zur Untersuchung einzureichen. Vor der Entnahme legen Sie bitte eine dreitägige Pause vom Geschlechtsverkehr ein. Und bitte beachten Sie unbedingt, dass die Probe nicht älter als eine Stunde sein darf, bis sie hier in der Praxis zur Analyse vorliegt. Dann muss ich Sie nur noch darauf hinweisen, dass es sich bei der Untersuchung in Ihrem Fall noch um eine freiwillige Leistung handelt, die Sie leider selbst bezahlen müssen, da Ihre Frau und Sie es ja noch nicht über ein Jahr probieren.“
Zum ersten Mal verzieht sich sein Mund kurz zu einem kleinen Lächeln.
Ich lausche angespannt und warte auf den magischen Moment, wo er mich einlädt, mich in die Pornoecke mit Durchreiche zu begeben, und bin erleichtert, als besagte Einladung ausbleibt. Tatsächlich bekomme ich beim Gehen ein eher unauffälliges Plastikgefäß, das mich an eine alte Filmdose erinnert, ausgehändigt. Das breite Lächeln der Sprechstundenhilfe lässt mir meinen Kommentar über die Größe im Halse stecken bleiben. Wäre wohl auch eher etwas unreif rübergekommen.

Drei Tage später also heißt es „selbst ist der Mann“. Darin, bei mir selbst Hand anzulegen, bin ich nicht mehr so geübt, seit ich meine Verlobte kenne. Aber da ich keinen Zweifel daran aufkommen lassen will, dass ich die Situation voll und ganz im Griff habe, mache ich mich lässig mit dem Döschen spielend auf Richtung Bad.
Und dann trifft er mich, hinterrücks und hinterhältig, der Gedanke: „Und was, wenn’s nun doch an mir liegt?“ Ich greife in der Luft daneben, und das Döschen rollt auf den Boden. Ich will den Gedanken einfach wegwischen, doch meine Stimmung ist im Keller. Ja, was ist denn, wenn ich wirklich derjenige bin, an dem es gerade scheitert? Shit, noch nie hab ich mir diese Fragen stellen müssen, und das hier ist ja wohl jetzt auch nicht gerade der passendste Moment, um über derart tiefgründige Dinge wie eine Vaterschaft nachzudenken. Trotzdem rattern die Rädchen in meinem Kopf weiter, während ich verzweifelt nach der kleinen Dose fische, die jetzt auch noch unter das Sideboard gerollt ist. Kann es sein, dass das Universum hier gerade auf fiese Weise eingreift und für einen gesunden Weiterbestand der Menschheit stimmt, indem es mich einfach von der Fortpflanzung ausschließt? „Hey, so verkehrt bin ich gar nicht“, will ich ihm zurufen, während ich auf Händen und Knien nach der kleinen Dose angele.
Schließlich habe ich sie erwischt und richte mich wieder auf. Mein Herz klopft, und schon wieder hat sich eine kleine Schweißperle auf meiner Stirn gebildet. Jetzt kann ich garantiert nicht mehr.

Zum Glück habe ich jedoch die beste Verlobte der Welt. Sie hat mich nicht aus den Augen gelassen und den Braten natürlich gerochen. Mit einem süßen Lächeln verstellt sie mir den Weg und nimmt mich wieder mit ins Bett, um mir an diesem wichtigen Morgen etwas zur Hand zu gehen. Schwups hab ich auch völlig vergessen, was dabei rauskommen soll, kann, könnte oder was auch immer.
Am Ende können wir beide herzhaft darüber lachen, als sie mich nach nur zwanzig Minuten mit meinem mehr als gut gefüllten Döschen aus der Tür scheucht.

Vor der Praxis zögere ich dann doch noch einmal kurz. Der Stolz ist verflogen, ebenso wie das gute Gefühl, als mir siedend heiß einfällt, dass ich jetzt möglicherweise gleich in einen vollen Wartebereich marschiere mit meiner noch körperwarmen Spermaprobe. Ich schlucke und schließe die Augen. Ich bin eben doch ein Weichei und das ist mir gerade extrem peinlich. Am Ende hilft es aber nichts. Ich atme tief ein und betrete die Praxis. Zu meiner großen Erleichterung ist der Eingangsbereich wieder komplett leer. Nur die rothaarige Sprechstundenhilfe sitzt schon auf ihrem Platz und strahlt mich an. Mit dem Daumen weist sie Richtung Labor: „Stellen Sie’s einfach um die Ecke auf das kleine Tablett.“ Ich beeile mich, ihrer Anweisung Folge zu leisten.
Hinter der Tür neben dem Labor ist tatsächlich nur ein WC, und das unauffällige Schild neben der Tür war mir nur beim ersten Mal nicht aufgefallen. Ich wasche mir noch die Hände und streiche mir durch mein Haar. Übermütig zwinkere ich dem gut aussehenden, erfolgreichen Typen im Spiegel zu und geben ihm ein „Daumen hoch“: Natürlich bin ich zeugungsfähig. Mit einem letzten Blick auf mein Döschen – die Dinger sind eben doch ziemlich klein –, öffne ich gut gelaunt die Tür … und pralle zurück.
Die Tür wird zeitgleich von außen aufgerissen, und ich finde mich Nase an Nase mit Niels wieder. Shit, ich hatte nicht abgeschlossen, weil ich ja nur kurz etwas abstellen wollte.
„Niels?“ Ich starre ihn an. Er schiebt instinktiv seine Hand hinter den Rücken und versucht wieder Haltung anzunehmen, aber ich habe das Döschen in seiner Hand schon gesehen.
„Hey, cool, dich zu sehen …“ Er beweist eindeutig mehr Haltung als ich, der ihn nur mit offenem Mund anstarrt und verzweifelt versucht, ihm die Sicht auf das Döschen mit meinem Namen in der offenen Durchreiche zu versperren. Es ist aussichtslos, und ich gebe schließlich auf und den Weg frei. Er tritt an mir vorbei, erfasst die Situation mit einem Blick und stellt sein Döschen ordentlich neben meines.
Als er sich wieder umdreht, steht ihm klar ins Gesicht geschrieben: Das hier bleibt unter uns oder ich müsste dich töten.
Ich senke den Blick. Eine gefühlte Ewigkeit starren wir mühsam aneinander vorbei.
„Und fährst du noch regelmäßig?“, frage ich schließlich betont cool.
„Nein“, er schüttelt den Kopf, „Meniskus, hab das Rennrad verkauft. Und du?“
„Nein“, erwidere ich, „keine Zeit mehr.“ Das Gespräch erstirbt. Wir starren beide angestrengt auf unsere Füße.
Ich reiße mich als Erster los. „Du, ich muss …“
„Ja, ich auch …“, fällt er mir ins Wort. Wieder Schweigen und Scharren mit den Füßen. Dann räuspern wir uns und schleichen hintereinander aus der Praxis. An der Tür nicken wir uns noch kurz stumm zu, immer noch den Augenkontakt vermeidend. Die Rothaarige sitzt hinter dem Tresen und winkt uns nach.

Meine Euphorie ist weg. Was denn, der auch? Und der ist sogar jünger als ich

… Spermatest bestanden – von mir aus kann’s losgehen

Die Tage vergehen. Im Grunde weiß ich ja, dass alles in Ordnung ist. Also ich meine, prinzipiell besteht daran kein Zweifel. Natürlich bin auch ich nur ein Mensch, und im Bereich des Möglichen läge schon auch die Option, dass … aber nein, quatsch, bei mir ist auf jeden Fall alles im grünen Bereich. Okay, vielleicht nicht supergreen, aber doch zumindest ein quietschiges Zitronengrün-Gelb. Definitiv mehr grün als gelb. Oder?
Meine Güte! Ich stehe vor dem Spiegel im Bad. In der einen Hand noch die Zahnbürste, die ich irgendwann während dieser dramatischen Gedankenschleife habe sinken lassen, stütze ich mich auf das Waschbecken.
Dem Typ, der mich aus dem Spiegel anblickt, tropft Zahnpasta aus dem Mundwinkel. Ich wische sie mit dem Handrücken weg.
Worüber mache ich mir eigentlich Gedanken? Ich bin gesund, noch weit unter 40 … na ja, gut, knapp unter 40, aber deutlich drunter halt, ich treibe Sport, wir ernähren uns gesund … also meistens. Entschlossen drehe ich den Hahn auf und nehme einen großen Schluck Wasser zum Ausspülen.
Natürlich bin ich zeugungsfähig! Prompt verschlucke ich mich und fange an zu husten.
Als der Anfall vorüber ist, blicke ich dem Typen fest in die Augen: „Du bist auf jeden Fall zeugungsfähig.“
Ich wünschte, es hätte etwas überzeugender geklungen, aber gut, man tut, was man kann. Ich trockne mein Gesicht ab und verlasse das Bad. Auf dem Weg in die Firma fahre ich in der Praxis vorbei, um meine Testergebnisse abzuholen und mit dem Doktor zu besprechen.
Was zunächst so harmlos klang, als mich die Sprechstundenhilfe anrief, hat sich mittlerweile in meinem Kopf zu einem Endzeitszenario entwickelt. Was gibt es denn da zu besprechen? Können die einem nicht einfach am Telefon sagen, dass alles gut ist? Können sie offensichtlich nicht.
Also mal wieder von dem rothaarigen Lockenkopf begrüßt worden und im hellblauen Wartezimmer Platz genommen. Die Zeit schleicht dahin, und binnen fünf Minuten schaffe ich 45,5 Blicke auf die Uhr. Der halbe kommt auch nur zustande, weil mich der Doktor gerade in dem Moment aufruft, als ich zum letzten Mal auf die Uhr schiele. Wieso lächelt er mich am frühen Morgen schon an? Hat er Mitleid, will er mir eine schlechte Nachricht schmackhaft machen? Meine Fantasie geht schon wieder mit mir durch, und mir wird heiß und kalt zugleich. Ich zwinge mich auszuatmen.
Der Doktor hat seine halbe Brille abgenommen und putzt sie, während er meinen Bericht durchliest.
„Wozu hat der Mann eine Lesebrille?“, durchzuckt es mich, und ich unterdrücke den Impuls, das Kribbeln in den Fingerspitzen mit Trommeln zu bekämpfen.

Schließlich besinnt er sich darauf, dass er mich ja schon hereingebeten hat. Er blickt mich an und räuspert sich, dann setzt er seine Brille auf und schiebt mir den Bericht rüber. Über die randlosen Gläser fixiert er mich.
„Wie ich Ihnen letztes Mal erklärt habe, wären für einen Mann Ihres Altes Werte im Bereich von …“
„Ein Mann meines Alters“? Was zum Geier soll denn das jetzt schon wieder heißen? Das kann ja gar nichts Gutes heißen, wenn er schon so anfängt. Und kann er mir nicht diese ganzen Zahlen jetzt ersparen und einfach auf den Punkt kommen? In meiner Aufregung verpasse ich fast den Moment, wo es tatsächlich so weit ist.
„… und das heißt in Ihrem Fall ist die Quantität gut, die Qualität altersgemäß, und insgesamt sind Sie damit immer noch voll zeugungsfähig.“
Jetzt schießen mir doch tatsächlich vor Erleichterung Tränen in die Augen, und ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Mensch, diese Nerven, und alles umsonst. Wusste ich’s doch.
Der Arzt murmelt noch irgendetwas von weiteren Schritten, falls es auch zukünftig nicht klappt, aber davon bekomme ich schon wieder nichts mehr mit. Natürlich wird es klappen, ich bin ein Hengst!

Von der Firma aus rufe ich als Erstes die beste Verlobte der Welt an und verkünde ihr die frohe Botschaft. Sie klingt gar nicht überrascht – ha, sie wusste es auch!
„Was hat der Frauenarzt gesagt?“, erkundige ich mich. Denn zeitgleich mit mir war sie heute früh dort, um ihre Werte abzuholen.
Sie druckst herum.
„Was ist denn?“, hake ich nach, weil ich ihr Ausweichen nicht verstehe und noch ganz getragen bin von den Flügeln meines Erfolges.
„Na ja, hormonell ist alles okay. Wie eine 28-Jährige, hat er gesagt …“, gibt sie schließlich zu.
„Na, siehst du, ist doch großartig“, freue ich mich für uns beide.
„Aber er sagte eben auch, dass die schwere Blinddarmentzündung vor fünf Jahren möglicherweise einen oder auch beide Eileiter in Mitleidenschaft gezogen haben könnte und diese verklebt sein könnten.“ Sie schweigt.
„Papperlapapp“, sage ich, „wir sind gesund, alles fit, und es besteht überhaupt kein Zweifel, dass es ganz bald klappt.“
„Bist du dir da wirklich ganz sicher?“
„Absolut“, antworte ich im Brustton der Überzeugung.
„Okay“, erwidert sie zurückhaltend.
„Okay?“, frage ich, „aber hallo, so was von OKAY!“
Ich höre sie am Telefon kichern und bin froh, dass es mir gelungen ist, für einen Moment alle Zweifel auszuräumen.
„Okay“, sagt sie und klingt überzeugt.
„Machen wir also ein Baby.“
Das wäre doch gelacht.

– Ende der Leseprobe –

 

… und hir nochmal zum mitnehmen!