Leseprobe: „Papa – 1. Lehrjahr“

… und darauf habe ich mich so lange gefreut?

Was genau ich mir darunter vorgestellt hatte, Vater zu werden? Keine Ahnung – aber vermutlich wohl nicht das, was es tatsächlich so bedeutet, Vater zu sein. Denn ganz ehrlich? Dann hätte ich es mir vielleicht nochmal überlegt – aber sagt das bloss nicht meiner Frau.

Wir hatten keinen leichten Weg hinter uns, die wundervollste Ehefrau der Welt und ich, ihr Ritter in – meistens – glänzender Rüstung.
Um überhaupt den Punkt zu erreichen, an dem wir die Worten hörten »Sie sind schwanger« haben wir eine ziemliche Odyssee hingelegt: fast ein Jahr »probieren«, geplatzte Eileiterschwangerschaft, Untersuchungsmarathon und dann die Übergabe der Verantwortung an die Kinderwunschpraxis.
Wenn ich bis dato in meinem jugendlichen Leichtsinn geglaubt hatte, Kinder kriegen sei simpel und »würde einfach passieren«, dann hatte mich die Realität mit knapp 40 ehrlich gesagt ziemlich heftig eines besseren belehrt.

Aber wir haben nicht aufgegeben – und wurden belohnt.

Und kaum, dass ich mir damit die Frage beantworten konnte, ob ich eigentlich Vater werden will, stellt sich schon die nächste, was will ich denn eigentlich für ein Vater sein? Und die Antwort ist gar nicht so einfach …

Wochenbett – die ersten sechs Wochen

Aller Anfang ist … müde – die ersten 14 Tage

Die ersten Tage schwebten wir auf Wolke sieben. Ich brauchte weder zu essen, noch zu trinken, noch zu schlafen und war trotzdem der glücklichste Mensch der Welt. Stundenlang konnte ich nur so daliegen in unserem Familienzimmer auf der Wöchnerinnenstation, den kleinen Mann auf ihrer oder meiner Brust betrachten und war vollkommen erfüllt.
Dann wurden wir nach Hause entlassen.

Seither hat die süße Euphorie der ersten Tage ziemlich gelitten – um es mal gelinde auszudrücken. Kaum vierzehn Tage n. FG. (nach Felix Geburt) habe ich nämlich das Gefühl, in einem Kriegsgefangenenlager zu sein, in dem Schlafentzug die bevorzugte Foltermethode ist. So sehr ich den kleinen Scheißer liebe – aber ich kann einfach nicht mehr. Noch nie in meinem Leben war ich so müde.
Alle paar Stunden springe ich mit meiner Liebsten auf, begleite sie beim Stillen, wickle ihr den kleinen Mann und lege ihn dann mit ihr wieder hin – sie ist immer noch so tapfer. Bei der Geburt war sie ja schon der Wahnsinn, woher sie jetzt noch das Durchhaltevermögen nimmt … keine Ahnung und keine Energie, dem auf den Grund zu gehen.
Still ist sie und blass und ja, natürlich auch müde, aber sie macht das einfach echt cool. Im Gegensatz zu mir. Und Morgen soll ich wieder arbeiten gehen. Ich schließe die Augen – ach, wenn ich doch nur schlafen könnte, eine Nacht, eine einzige Nacht … aber da wimmert der kleine Mann schon wieder los. Ich nehme innerlich Anlauf, um mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen.

»Liebster, so geht das nicht.«
Ich blicke sie aus schwarz unterlaufenen Augen an. Natürlich habe ich keine Ahnung, was sie mir sagen will. In meine abgrundtiefe Erschöpfung schleicht sich Panik: Will sie ausziehen? Will sie einen besseren, leistungsfähigeren Vater? Will sie das Kind zur Adoption freigeben? In meinem Kopf überschlägt sich alles.
Als Antwort kann ich nur stammeln:
»Was?«
Sie sieht mich mit einem schwachen Lächeln an und legt mir die Hand an die Wange. Ich mache mich auf das Schlimmste gefasst und suche bereits in meinem vor Müdigkeit wabernden Hirn nach Entschuldigungen und Ausflüchten.
»Liebling, du musst schlafen.«
Mir schießen unkontrolliert die Tränen in die Augen – sprachlos.
»Wie?«, stammle ich.
»Geh und schlaf auf dem Sofa.« Ich blicke sie immer noch ungläubig an und weiß nicht, was ich sagen soll.
Sie nickt bestimmt.
»Ja, du musst dich ausquartieren. Es hilft einfach nichts. Ich bin irgendwie immer noch voller Hormone. Keine Ahnung wie, aber ich schaff das schon … und ich kann mich dann ja auch tagsüber immer wieder mit hinlegen.« Sie drückt meine Hand.
»Aber du musst ab morgen wieder arbeiten…« Sie blickt mir fest in die Augen. »Du musst schlafen.«
Ich erwidere den Druck ihrer Finger, und dann ziehe ich sie an mich und halte sie ganz fest.
»Aber ich will dich nicht allein lassen«, murmele ich in ihr Haar. Wie ein Ertrinkender klammere ich mich an sie. Und sie ist einfach weiter tapfer und schwimmt für uns beide.
»Das tust du doch nicht, Liebster.« Sie löst ihren Kopf von meiner Brust und sieht mich an. Ich küsse sie sanft und wage nicht, den Moment mit weiterem Geplapper kaputt zu reden. Und vor allem nicht, dass sie dieses für mich überlebenswichtige Angebot womöglich nochmal überdenkt. Also raffe ich mein Kopfkissen und meine Decke und flüchte mich auf die Couch.
Nein, ich schaffe es nicht mehr, das Bett noch auszuziehen, ich falle einfach nur um, schlafe mit dem Bettzeug im Arm ein und sabbere auf den Bezug des Sofas.

Aber nicht nur, wenn es um den Schlaf geht, ist das Vater sein anders, als ich es mir vorgestellt hätte.
Klar, so in meinen verträumten Momenten hab ich mir auch ausgemalt, wie toll es sein wird, wenn ich dann abends nach Hause komme und mir kommt der kleine Fratz strahlend entgegengelaufen. Und ja, auch ich hab so Bilder vor Augen gehabt wie: Wir beim Grillen auf einer Wiese, mit Freunden auf einem Spielplatz, am Rand eines Fussballfeldes … aber mal ehrlich? So sieht das in der Realität einfach nicht aus.
In der Realität sind wir Eltern – ja, und natürlich unbändig stolz und glücklich und das ganze Zeug. Aber wir sind es irgendwie so plötzlich und dann auch gleich noch so dauerhaft. Also ich meine, wer hätte denn ahnen können, dass 24/7 so richtig und total auch 24/7 heißt? Also non stop auf Baby-Bereitschaft? Ich bin einem Burnout nahe – und das wie gesagt binnen der ersten vierzehn Tage.
Es ist einfach verrückt, wir hatten so sehr um unser Glück kämpfen müssen, hatten uns auf den kleinen Zwerg gefreut … und jetzt wünsche ich mir heimlich die Zeiten zurück, in denen ich abends mal nach Hause kommen konnte, um mich mit meiner Liebsten auf die Couch zu werfen – nein, nicht das … , sondern einfach so und nur abzuhängen.
Aber daran ist nicht mehr zu denken.
Wir schlafen im Stundentakt, wir füttern, wir wickeln, wir lauschen jedem Rülpser und Furz mit Andacht – und darüber kommen wir zwei als Menschen völlig zu kurz, von uns als Paar mal völlig zu schweigen. Doch darauf komme ich später nochmal zurück – en Detail versprochen.

Stillen für Anfänger – das muss doch weh tun

Hatte ich eine Meinung zum Thema Stillen? Nö, ehrlich gesagt hatte ich mir über das Thema ungefähr genauso viele Gedanken gemacht wie um die meisten anderen Sachen in Bezug auf das Thema »Baby«. Betraf mich ja zugegebenermaßen auch noch etwas weniger als vieles anderes.
Natürlich war ich dabei gewesen, als wir im Vorweg zur Ernährungsberaterin getingelt sind, um uns über die Alternativen zu informieren, falls es mit dem Stillen nicht geklappt hätte. Hätte, könnte, würde … um was man sich alles einen Kopf machen kann mit so’nem Zwerg. Aber zurück zum Thema: Fazit des Ausflugs war natürlich, dass Ersatzmilchprodukte zwar so gut seien wie nie zuvor und es auch für jeden Grad von Allergie etwas gäbe, jedoch nichts das Stillen mit Muttermilch ersetzen könnte und würde. Okay, Info gespeichert.

Dass meine Liebste sich ziemlich gequält hat die ersten Tage ist auch mir nicht entgangen. Im Krankenhaus stand ich dabei, als die eine Schwester ihr dies und die andere etwas völlig anderes riet. Dann fingen sie an, Schläuche an die Brüste meiner Liebsten anzubringen, sodass sie zum Schluss aussah wie eine Mischung aus Matrix und einer Kuh an der Melkmaschine. Und auch wenn sie gute Miene zum bösen Spiel machte und tapfer dreinblickte, konnte ich ihre Angst förmlich riechen, dass wir 10-ml-weise mit Spritze und Schlauch unseren Sohn auf keinen Fall ernähren können würden.
Da saß sie also mit schon ziemlich gespannten Brüsten, die ich kaum ansehen konnte ohne sehr männliche und natürlich in der Situation völlig unangemessene Hintergedanken zu kriegen, und weinte fast.
»Es tut weh und ich kann unser Kind trotzdem nicht ernähren.« Zu dem Zeitpunkt hatte der Kleine aus Frust, Hunger und einfach Unvermögen ihre wundervollen Brustwarzen schon völlig zerbissen. Es ließ mir das Blut in den Adern gefrieren mir vorzustellen, jemand würde auf meinem sensibelsten Körperteil …
Ein Glück hatten wir unsere Hebamme Bea, die, kaum dass wir zu Hause waren, ein Machtwort sprach.
»Natürlich kannst du stillen und das wirst du auch. Felix muss es halt erst lernen. Wenn der Hunger groß genug ist und erst die richtige Milch einschießt, klappt das schon. Da müsst ihr beiden jetzt durch.«

Tag 1 aus dem Krankenhaus und die schlimmsten 16 Stunden unserer drei Leben. Für den Kleinen, weil er nach vier Tagen einfach richtigen Kohldampf hat, für die beste Frau und Mutter der Horror weil zur körperlichen Entkräftung auch noch der psychologische Druck kommt und die Kombi macht sie sichtbar fertig – und für mich? Na, für mich ist es natürlich am schlimmsten, denn ich stehe mal wieder daneben und kann einfach nichts machen.
Immerhin kann ich auch nichts versauen, denn es gab einfach überhaupt nichts, was ich tun oder sagen könnte. Also tue ich im Endeffekt genau das: ich stehe die meiste Zeit hilflos da und werde immer nervöser.
Als dann morgens um 4 Uhr plötzlich dieser ominöse Milcheinschuss passiert und mein Sohn zum ersten Mal schmatzend und gierig saugend an der Brust seiner Mutter liegt, bin ich so überwältigt, dass selbst mir die Tränen in die Augen steigen. Wir sind über den Berg. Er wird nicht verhungern müssen. Wir hatten es geschafft.

Na gut, er hat es geschafft, und ich bin in jedem Fall in Sachen Flasche erstmal aus dem Schneider. Meine arme geliebte Ehefrau jedoch hat noch ein paar Tage was davon, dass der Anlauf so holprig gewesen ist. Blutige Brustwarzen jedenfalls sind ein Bild, das definitiv nicht in meinen Kopf gehört, sondern in einen Splatterfilm. Furchtbar sage ich euch und auch alles cremen und Ein- und Auflagen verbessern die Lage nicht wirklich, egal, was ich auch aus der Apotheke anschleppe. Am Ende war es dann wieder Bea, die die Lösung parat hatte in Form eines kleinen Silikonhütchens.
»Stillhütchen«, nennt sie die Dinger, die ich fortan regelmäßig zusammen mit dem Schnuller auskochen darf. Spannend und offensichtlich so effizient, dass Mutter und Sohn nach ein paar Tagen zum regelrechten Dreamteam in Sachen Stillen avancieren. Spätestens zu dem Zeitpunkt gestatte ich mir auch wieder den einen oder anderen Gedanken in Bezug auf ihre unglaublich prallen … also ich meine … ach, ihr wisst schon.

Denn ganz ehrlich, bislang hatte ich ein exklusives Anrecht auf die Brüste meiner Frau. Spätestens seit der Geburt habe ich jedoch irgendwie gar keines mehr. Das ist nicht in Ordnung und ich bin schon auch eine gehörige Portion neidisch auf meinen Sohn. Allerdings kann ich mir zunächst auch nicht so recht vorstellen, wie ich mit diesen milchprallen Objekten korrekt umgehen soll. Ist das überhaupt noch erlaubt? Also Anfassen meine ich? Saugen wäre wohl irgendwie komisch, denn ich will nun wirklich keine Milch … wobei, da gibt es bestimmt auch irgendeinen Fetisch … ach, ich schweife schon wieder ab. Naja, auf jeden Fall stellen sich mir diverse Fragen und ich stehe ziemlich entnervt da, zwischen hoffnungsloser Geilheit und keuscher Zurückhaltung wegen akuter Papa-Verunsicherung. Zugegeben, es hat gedauert bis ich diesen inneren Konflikt hinter mir lassen konnte … genau genommen bis nach der Stillzeit, aber keine Sorge, ich kann ihn zwischenzeitlich erfolgreich ausblenden. Doch dazu später mehr.

Schlafpirat

Ich kann mein Glück kaum fassen, der Stolz meiner Lenden hat sich ohne abendliche Schreiattacke von mir hinlegen lassen. Auf Zehenspitzen flitze ich ums Bett und schiebe mich lautlos unter die Bettdecke. Jetzt bloss nicht den Sohn aus der Fassung bringen oder gar erschrecken. Neben mir liegt die beste Ehefrau der Welt, die bereits eingeschlafen war, ehe ihr Kopf das Kissen berührte.
Angespannt lausche ich und höre seine Atemzüge.
Selig lasse auch ich mich in die Kissen sinken. Die ersten paar Nächte waren so anstrengend mit dem fast stündlichen Stillrhythmus, dass ich sicher bin, diese Nacht zu schlafen wie ein Toter.
Gerade habe ich meine Augen geschlossen, da grunzt es lautstark.
Ich halte den Atem an, starre mit weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit und lausche. Nichts. Nur ruhige Atemzüge. Ich schüttele innerlich den Kopf und will mich gerade auf die Seite rollen, da röchelt der Sohn plötzlich wie ein Ertrinkender.
Sofort springe ich auf, renne ums Bett, und will gerade das Baby hochreißen, als mir im Schein des Nachtlichtes auffällt, dass er mit einem Engelslachen im Gesicht schläft. Wieder halte ich die Luft an und lausche seiner schon wieder friedlichen Atmung. Falscher Alarm. Die beste Ehefrau hat sich nicht geregt, also schleiche auch ich mich wieder ins Bett.
Kaum liege ich, grunzt es wieder. Dieses Mal bin ich ja schon quasi Profi und ignoriere das Geräusch einfach.
Es grunzt nochmal, gefolgt von einem Geräusch als würde ein kleiner Drache versuchen das erste Mal Feuer zu spucken.
Ich liege in der Dunkelheit, starre an die Decke und lausche gebannt den seltsamen Tönen, die dieses kleine Wesen produziert.
In der nächsten Stunde quietscht das Kind, als hätte es dringend eine Behandlung mit einem Multifunktionsöl wie WD40 nötig, röchelt, schmatzt, quiekt, schnorchelt, niest, stöhnt, ächzt, stößt einen kleinen Schrei aus und beginnt schließlich auch noch leise zu schnarchen.
Ich kann nur daliegen und lauschen. An Schlaf ist nicht im entferntesten zu denken. Zumindest nicht für mich, denn die wohl beste Ehefrau und nunmehr Jungmutter schläft neben mir den Schlaf der Gerechten. Nach einer weiteren Stunde erklingt ein leises Winseln, das ich noch nicht sicher als Vorstufe zum Weinen identifiziert habe, als meine bessere Hälfte schon in die Höhe schnellt und das Kind an ihre Brust nimmt.
Im Halbdunkeln des Nachtlichtes kann ich den zufriedenen Ausdruck auf dem Gesicht meines Sohnes erkennen, der gierig an ihrer Brust saugt.
Sie sieht mich an.
»Warum schläfst du denn nicht?« fragt sie.
»Wie könnte ich bei dem Lärm schlafen?« frage ich zurück.
Sie sieht mich an, und ich erkenne das Unverständnis in ihrem Blick.
»Wieso, er hat doch gar nicht gebrüllt?«
»Nein«, stimme ich zu , »gebrüllt hat er nicht.«

Schlafen kann ich trotzdem nicht. Selbst nachdem sie ihn gestillt und wieder hingelegt hat, und der Neuankömmling einigermaßen ruhig atmend einschläft, liege ich in der Dunkelheit und grübele.
Fast zwei Jahre hat es gedauert, bis er endlich auf der Welt war. Vom ersten entscheidenden Gespräch, also dem, wo seine Mutter mich quasi vor vollendete Tatsachen gestellt hat, dass ich sie nur haben kann, wenn ich ihren Wunsch respektiere eine Familie zu gründen, über unsere lange und immer deprimierendere Phase des »Selbstversuchens«, die verdammte geplatzte Eileiterschwangerschaft … mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Wie knapp war das bitte und ich wäre nicht nur nie Vater geworden, sondern hätte halt auch nie mein Leben mit dieser wundervollsten aller Frauen verbringen dürfen. Ich ziehe die Decke etwas höher. Und dann natürlich die unwirkliche Geschichte mit dieser Kinderwunschpraxis, die Spontan-Hochzeit, um Kosten zu sparen, diese ganzen Spritzen … schon wieder schaudert es mich.
Einmal mehr muss ich mir eingestehen, dass es wohl wirklich klug eingerichtet ist von der Natur, dass die Frauen die Babys bekommen, nicht wir Männer.
Unsere erste Begegnung mit Prof. Braun kommt mir in den Sinn, den ich wegen seiner coolen Art immer nur Major Tom nenne und prompt muss ich grinsen. Der Mann hat es drauf. Kompetent, optimistisch und trotzdem gnadenlos ungeschönt realistisch – genau, was wir brauchten.
Meine Gedanken schweifen weiter zu dem Telefonat aller Telefonate, nachdem wir das erste Mal eingefrorene Eizellen aufgetaut haben, das zweite Mal Zurücksetzen von befruchteten Eizellen in die Gebärmutter … oh Gott, war das alles wissenschaftlich, steril und irgendwie komplett unwirklich und dann hatte es doch geklappt: Nummer 5 lebt! Die fünfte kleine Eizelle hatte sich richtig eingenistet und aus ihr war wie durch ein Wunder mein Sohn geschlüpft … also naja, so ungefähr jedenfalls. Ist ja auch egal. Da hat sie es jedenfalls das erste Mal gesagt: Papa.
Ich schlucke. So ein winziges Wort, zwei Silben, aber die Welt für einen kleinen Menschen und wenn ich’s mir recht überlege ja auch für mich.
Was für eine irre Zeit. Wenn ich so daran denke, merke ich, dass ich die Phase noch alles andere als verdaut habe. Irgendwie sitzt die Anspannung so tief, dass nicht einmal dieses Megaerlebnis von der Geburt das wieder ausgleichen konnte. Und hey, die ist top gelaufen: Sechs Stunden für eine Erstgebärende, keine PDA, keine Unterstützung und einfach Papa – der Hammer. Aber wenn ich gedacht hatte, dass in diesem Moment irgendwie alles gut wäre, hatte ich mich geirrt, denn jetzt stehen wir zwar nicht mehr vor der Frage, ob wir jemals Eltern sein können, sondern shit, jetzt haben wir plötzlich so ein Zuckerbündel und was, wenn dem irgendwas zustößt. Wie würden wir es überleben, wenn wir plötzlich keine Eltern mehr wären?
Kalter Schweiß tritt mir auf die Stirn und in dem Augenblick bin ich mir sicher, dass ich nie wieder in meinem Leben ein Auge zu tun werde.
Was kann da nicht alles passieren? Plötzlicher Kindstod – keine Ahnung, was genau das bedeutet, aber das Ergebnis ist bei dem Namen ja Programm und der absolute Supergau. Aber selbst im nicht schlimmsten Fall: Was wenn er richtig schlimm krank wird, oder bei einer der Untersuchungen mal so nebenbei doch irgendwie rauskommt, dass was Grundsätzliches nicht so in Ordnung ist wie es sein sollte, oder er fällt und das empfindliche Köpfchen behält was davon zurück … Horrorszenarien entspinnen sich vor meinen Augen. Und der Film läuft ungehindert immer weiter: Unfälle auf der Straße, im Kindergarten, auf dem Schulweg oder Hof, Mitschnacker, Mobber, Bullies, gemeine Lehrer, die Pubertät … und wir sind verantwortlich. Ich bin verantwortlich. Ich bin sein Vater!
Jetzt wird mir richtig Angst und Bange. Mein Atem geht stoßweise, ich bin von oben bis unten Schweißnass und zittere am ganzen Körper, obwohl ich unter der Bettdecke liege. Ich bin kurz davor zu schreien, kann mich aber gerade noch beherrschen, denn die erste Regel lautet: Nicht das Baby wecken!
Ich zwinge mich also den Atem anzuhalten und dann ganz langsam und lange auszuatmen. Mein Herz rast weiter und ich spüre meinen Puls in den Ohren wie kurz vor einer Ohnmacht. Oder zumindest stelle ich mir vor, dass es sich so anfühlt, wenn man kurz vor einer Ohnmacht steht. Aber kann man eigentlich in Ohnmacht fallen, wenn man schon liegt? Denn eigentlich macht der Körper das mit der Wagerechten doch genau deshalb, damit das Gehirn mit Sauerstoff versorgt wird, auch wenn der Rest des Körpers gerad irgendwie nicht so richtig funktionieren will … ach, aber worüber hatte ich gerad nachgedacht? Na, ist ja auch egal, mit einem letzten Blick auf meine schlafende Familie – gibt es eigentlich ein geileres Wort »Familie«? – ich lasse es mir nochmal still auf der Zunge zergehen und schlafe mit dem nächsten Atemzug ein.

Die Zubettgehtortur – ab Woche 3.

Als aufgeklärtes Elternpaar haben wir uns natürlich bereits vor der Geburt Gedanken darüber gemacht, wie ein Zubettgehritual im Idealfall bei uns aussehen sollte. Idealfall. Sollte.

Von dieser Vorstellung mussten wir uns schweren Herzens und auf Kosten unsers Trommelfells jedoch binnen der ersten Wochen nach der Geburt verabschieden, denn unser Sohnemann gehört zur Fraktion: Schrei dich frei – und das jeden Abend.
Ich hab ja auch schon von diesem Mythos gehört, dass Schreien gut sein soll für die Lungen. Okay, Kinderpsychologen der westlichen Hemisphäre bestehen mittlerweile darauf, dass das doch nur so semigut ist, vor allem, wenn es darum geht, das Kind schreien zu lassen, anstatt hinzugehen und es zu beruhigen.
Immer wieder lese ich in einschlägigen Foren, wie wichtig es ist für das Urvertrauen – oder war es das Gottvertrauen, und was unterscheidet das eine vom anderen, bitte – des Sprösslings ist, dass er sich gerade in der ersten Zeit eben nicht allein gelassen fühlt. Und nein, die Säuglinge brüllen nicht, um uns zu ärgern.
Ach was! Das kann sich auch nur jemand ausgedacht haben, der noch nicht den xten Abend in Folge das Kind seit einer geschlagenen Ewigkeit herumträgt, ihm Quatsch vormacht, singt, tanzt, summt, es wiegt, beklopft, ruhig zu ihm spricht, beruhigend auf es einredet, es im panisch werdenderen Ton anfleht, sich zu beruhigen … nur, damit der Nachwuchs aufhört mit dem hysterischen Gebrüll.
Mittlerweile schleiche ich morgens und abends eh nur noch mit gesenktem Kopf durch den Hausflur und dank meines Zombieanblicks hat es bislang auch noch kein Nachbar gewagt, mich auf die Lärmbelästigung anzusprechen. Ich könnte es ihnen allerdings auch nicht verdenken. Mir wären Schallschutzkopfhörer auch lieber.
Aber viel schlimmer noch als der bevorstehende Hörsturz ist die Verzweiflung, die in jeder Minute proportional zu den Dezibel wächst. Ich bin ein schlechter Vater. Mein Kind schreit, und ich bin nicht in der Lage, es zu beruhigen. Ich bin doch echt der letzte Mensch, der ein Kind hätte kriegen sollen.
Zugegeben, abends scheitert die beste Mama der Welt an der gleichen Problematik ebenso unglamourös wie ich – allerdings muss ich gestehen, dass ich mich damit absolut gar nicht besser fühle. Bei einem anderen Thema hätte ich mich vielleicht noch in meinem kleinen schwarzen Herzen darüber freuen können, dass wir eben beide Anfänger sind, aber spätestens nach einer Stunde Intensivbeschallung würde ich mir nichts sehnlicher wünschen, als ein erlösendes mütterliches Wunder. Aber nichts hilft. Keine frischen Windeln, keine Brust, keine Anti-Pups-Gymnastik. Es ist fast zum Hohn, er brüllt, als wolle er einfach nur beweisen, dass er länger kann. Also von mir hat er das jedenfalls nicht.
Insgeheim frage ich mich, ob es eigentlich sowas wie ein 14-tägiges Rückgaberecht für Babys gibt. Und natürlich verwerfe ich den Gedanken gleich wieder – ist ja auch schon zu spät.
»Babyklappe«, kommt mir in den Sinn, aber dann fällt mein Blick auf meine tapfere Liebste, die mich eindringlich ansieht. Oh Gott, hab ich das etwa gesagt? Oder doch nur gedacht? Manchmal ist sie mir echt unheimlich. Schon gut, schon gut … Mann wird jawohl nochmal laut denken dürfen.

Heute Abend bin jedenfalls ich gerade mal wieder dran:
Mein kleiner Sonnenschein hat von jetzt auf gleich auf schlechte Laune geschaltet. Mit zusammengekniffenen Augen und ständig knetenden Händen liegt er in meinem Arm und schreit aus Leibeskräften.
Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich den Verdacht, dass ihm gerade bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren gezogen wird, aber nein, wird es nicht, denn ich übe mich ausschließlich in Rumschleichen auf Zehenspitzen und Schlaflieder summen. Ein Glück hört er weder, dass ich mangels Text auf das Singen verzichte und genau genommen bin ich mir auch bei der Melodie nicht wirklich sicher, aber wie schon erwähnt, es macht ohnehin keinen Unterschied: er schreit und schreit.
Die beste Mama der Welt kommt, die Füsse über den Boden schleifend, aus dem Schlafzimmer und nimmt ihn mir quasi ohne die Augen zu öffnen ab. Das Geschrei geht unverändert weiter. Wenn es möglich ist, steigt es sogar kurzzeitig noch einmal an Intensität.
Ich lasse die Arme hängen, die mir ohnehin halb verkrampft eingeschlafen sind. Das kann doch nicht richtig sein.
Es endet so plötzlich wie es beginnt. Ohne dass wir zwei es uns erklären können, rollt sich der Zwerg zusammen, schluchzt noch zweimal verhalten, um dann einfach einzuschlafen. Zurück bleiben zwei nervlich angegriffene Elternteile, von denen mindestens einer das Gefühl hat, ein Komplettversager zu sein.

Aber so lasse ich das nicht auf mir sitzen. Auch wenn ich zu keinem klaren Gedanken mehr fähig erscheine, formt sich in meinem Kopf eine Mission: Ich muss herausfinden, wie ich meinem Sohn helfen kann … und mir! Und meiner Liebsten natürlich. So geht es einfach nicht weiter.
Also ziehe ich die Schlafzimmertür leise ins Schloss, natürlich nicht ohne mich zu vergewissern, dass der Kleine sicher auf Mamas Brust eingeschlafen ist und sie gleich mit.
Dann setze ich mich vor den Laptop und rufe mal wieder meinen Kumpel Google um Hilfe an. Und siehe da, mein Sohn ist nicht der einzige der schreit. Nicht einmal ein wenig besonders ist es angesichts der Fülle an Foren und der Anzahl laufender Einträge zu dem Thema. Zugegeben, vieles davon hilft mir nicht. Seine entspannten Hände bei den Schreiattacken negieren Schmerzen, für Zähne ist er zu klein, Launen sollte er wohl in der Form eher in der Pubertät haben etc. Es gibt eine Vielzahl an möglichen Gründen, die ich alle mehr oder weniger direkt kategorisch ausschließen kann.
Meine Augen haben Mühe, den Zeilen zu folgen, aber am Ende werde ich belohnt. Auf der Seite einer Hebammenpraxis finde ich einen Blogbeitrag zum Thema abendliches Schreien.
Und plötzlich ist es, als würde ein überirdisches Spotlight über mir entzündet und ich hörte Engel singen: Mein Sohn ist nicht krank, im Gegenteil, mein Sohn ist einfach nur sensibel und mit den täglichen Eindrücken überfordert. Ich verschlinge den Artikel Zeile für Zeile und weil ich beim ersten Mal nicht die Hälfte verstehe – in wachem Zustand kann ich tatsächlich recht schnell lesen, aber momentan reißt mein Aufmerksamkeits-faden scheinbar alle drei Worte. Also muss ich von vorne Anfangen, um den Zusammenhang zu kriegen.
Aber nach und nach fügt es sich und sogar mein schlafwandlerisches Hirn beginnt zu verstehen: Das Kind ist einfach überfordert und je mehr Tüdel wir machen, um rauszufinden, was nicht mit ihm stimmen könnte oder um ihn abzulenken, umso schlimmer machen wir es. Die Lösung: Ruhe. Kind ruhig, fest eingepackt im Arm halten und wenn überhaupt ganz ruhig mit ihm sprechen. Anerkennen, dass er oder sie so viel zu sagen und zu verarbeiten hat und Augenkontakt halten, damit das Kind die Zuwendung spürt.
Bähm. So einfach ist das.
Mir stehen Tränen in den Augen, und ich kann mein Glück kaum fassen. Völlig euphorisiert wanke ich zum Schlafzimmer und beherrsche mich gerade noch im letzten Moment, meine arme über alles geliebte Ehefrau zu wecken, um diesen triumphalen Moment der Erkenntnis mit ihr zu teilen. Denn sofort werden Zweifel geweckt: Was, wenn’s nicht funktioniert?
Ich beschließe also erstmal zu schweigen und bei nächster Gelegenheit meinen Wissensvorsprung zu testen. Sollte sich die Technik in der Praxis bewähren, kann ich der besten Mama der Welt immer noch einen Tipp geben. Mit diesem glückseligen Gedanken penne ich quasi im Stehen ein.

Schon am nächsten Abend bietet sich mir unvermeidlich die Gelegenheit, mein neuerworbenes Wissen zu erproben. Ich höre Felix schon, als ich unten zur Haustür herein komme. Das Treppenhaus erbebt unter seinem Gebrüll und nein, eine Horde kampfestoller Indianer wäre Peanuts dagegen.
Ich schließe die Wohnungstür auf und beeile mich, mir Schuhe und Jacke abzustreifen und die Hände zu waschen. Dann nehme ich sofort der Gattin, die schon blutunterlaufene Augen hat und offensichtlich am Ende ihrer Kräfte ist, den energischen jungen Mann ab.
Ich atme tief durch und hoffe, dass mein vor Aufregung pochendes Herz ihn nicht unnötig anstachelt. Ich setze mich also mit ihm auf die Couch, lege seine Kuscheldecke um seine Beine und halte seine Arme sanft aber fest an ihn gepresst. Begrenzung hieß das in dem Hebammenblog. So umfangen beobachte ich aufmerksam, wie seine Hände sich weiter öffnen und schließen. Also tut ihm nichts weh. Ich beginne ganz ruhig mit ihm zu sprechen. Lobe, wie toll er das macht, dass ich verstehe, dass zu leben anstrengend und aufregend ist. Erzähle ihm, für was für einen phantastischen Jungen ich ihn halte und wie stolz ich darauf bin, wie laut er schreien kann. Keine Ahnung, ob inhaltlich davon irgendwas Sinn macht, Fakt ist jedoch, dass es nach bereits knappen 15 Minuten anfängt deutlich ruhiger zu werden in unserem Wohnzimmer.
Die weltbeste Mama hat mich nicht aus den Augen gelassen und starrt mich mittlerweile unverhohlen an. Als der Kleine sich endlich ganz beruhigt hat und eingeschlafen ist, gelingt es mir sogar, ihn im Nebenzimmer abzulegen.
Sie ist ist den Tränen nahe und empfängt mich direkt an der Verbindungstür zum Wohnzimmer flüstern: »Wie in drei Teufelsnamen hast du das gemacht?«
Ich will den Moment auskosten, will meine so unverhofft aufgetretene Genialität nicht durch ein zu schnelles Geständnis klein machen, doch in Anbetracht ihrer geröteten Augenlider habe ich Erbarmen. Ich nehme sie bei der Hand und führe sie zum Laptop, wo ich den Blogartikel noch offen habe. Sie blickt mich kurz fragend an, setzt sich dann jedoch und beginnt zu lesen.
An ihren hin und her huschenden Augenbewegungen kann ich erkennen, dass sie den Artikel ebenso verschlingt wie ich. Am Ende läuft ihr eine Träne über die Wange.
»Echt? Und so einfach können wir ihm helfen? Wir machen gar nicht alles falsch?«
Ich streichle ihre Wange und wische die Träne mit einem Finger weg.
»Nein«, bekräftige ich, »wir machen gar nicht alles falsch, zumindest sicher nicht bei dieser Sache, dafür bleibt uns noch jede Menge Zeit, um den Sohn komplett zu versauen.«
Sie lächelt gnädigerweise über meinen Scherz und lehnt seitlich ihren Kopf an meinen Bauch.
»Danke«, murmelt sie leise. Mein Retterherz schwillt! Ich sonne mich in ihrem Applaus … nur gestört von einem kleinen Schnarchen.
»He, nicht einschlafen.«
»Was?« Sie hebt den Kopf ohne die Augen wirklich zu öffnen und lässt sich von mir ins Schlafzimmer führen.
Zumindest für knapp drei Stunden haben wir wohl jetzt Ruhe – hoffentlich.

Der erste Spaziergang

»Der Kleine muss ja auch mal an die Luft. Wollen wir vielleicht einen Spaziergang machen?«
Von einem Gespräch mit den Kollegen aus grauer Vorzeit – zumindest kommt es mir nach den ersten Wochen zu Hause so vor, als würden zwischen mir und meinem alten Leben eine unendliche Ewigkeit klaffen, erinnere ich mich, dass mir zum Thema »Schlafen« glaubhaft versichert wurde, dass das Baby herum zu chauffieren in seiner Babylimosine auf jeden Fall immer und ausschließlich nur positive Auswirkungen haben könne. Von diesem Impuls beflügelt wage ich also den Vorstoß, kaum dass mein stolzer Nachwuchs knapp drei Woche alt ist.
Die frisch gebackene Jungmutter sieht mich an, und ich beobachte, wie es hinter ihrer Stirn arbeitet. Deutlich länger als noch vor ein paar Tagen beginnt sie langsam zu nicken, um dann in einem Kopfschütteln zu enden.
»Nein, ich glaub dafür ist er noch zu klein. Wir dürfen sein Köpfchen nicht zu sehr erschüttern.«
Aber jetzt hab ich selber Blut geleckt, denn auch mir ist gerade schlagartig aufgegangen, dass ein paar Schritte aus der Wohnung heraus wahre Wunder an Motivation bewirken würden und erst jetzt merke ich, wie anstrengend ich dieses den ganzen Tag nur hier drinne sein finde … und das seit Tagen.
»Och komm«, bettele ich, »ich schieb dir auch den Kinderwagen und wir gehen ganz langsam.«
Sie seufzt und rappelt sich mitsamt dem Zwerg hoch.
»Na, gut, aber nur ganz kurz. Nicht, dass es ihm kalt wird.«
»Na klar.« Ich stürme sofort los und hole Jacken, Mützen, Wollsocken, Schlafsack und Wolldecke. Das Schaffell liegt ja ohnehin schon in der Babyschale des Kinderwagens. Als wir fertig sind, sieht er aus wie für eine Polarexpedition gerüstet – dabei sind draußen fast zehn Grad. Egal.
Die beste Ehefrau der Welt wirkt schon etwas erschöpft, ehe sie in ihrer Jacke ist und mein Elan, nach draußen zu kommen, bekommt einen kleinen Dämpfer.
»Auch ihr wird die frische Luft gut tun«, versuche ich mir einzureden. Ich bin aufgedreht wie ein kleines Kind, als es losgeht. Behutsam wie ein rohes Ei schiebe ich den Kinderwagen in den Aufzug. Am liebsten würde ich den Wagen anheben, um den Stop abzupuffern. Aber der kleine Mann rührt sich nicht.
Schritt für Schritt schleichen wir aus der Tür, heben den Wagen über jeden Stein und bewegen uns auf Zehenspitzen um unseren Wohnblock. Der ganze Ausflog von ungefähr 350 m braucht knapp eine halbe Stunde. Ich bin null ausgelastet und doch völlig geflasht. Der kleine Prinz rührt sich tatsächlich nicht einmal, sondern schläft wie ein kleiner Stein. Ich muss zwischendurch meine wundervolle Frau unterm Ellbogen packen und sie ganz schön stützen. Sie ist doch noch erstaunlich schwach auf den Beinen. Mir schwant, dass ich es mit meinem Elan vielleicht einen Hauch übertrieben habe und bin froh, dass wir instinktiv nur diesen kleinen Kringel ums Haus gemacht haben.

Zurück in der Wohnung: der Kleine selig, die Frau komplett erschossen und ich gefangen zwischen schlechtem Gewissen und Unausgelastetsein. Zumindest hat uns die kühle Luft allen ein paar rote Wangen gezaubert.
Ich trolle mich erstmal lieber in die Küche und koche Tee. Doch ehe ich zurück komme, ist meine Liebste schon eingeschlummert. Sie wird den Tag über von der Couch nicht mehr aufstehen. Mein schlechtes Gewissen wächst.

Hebamme Bea kommt am Nachmittag und liest uns beiden ziemlich die Leviten, weil es meiner Liebsten so schlecht geht.
»Verdammt, Mädchen, du bist im Wochenbett. Früher hatten Frauen nach einer Geburt sechs Wochen Bettruhe und das war auch gut so.«
Sie stemmt die Hände in die Hüften und sieht streng auf meine auf die Couch gebettete Herzdame herab. Der gelingt noch ein ermattetes kleines Lächeln. Sie sieht tatsächlich nicht erfrischt aus nach unserem kleinen Spaziergang. Mein schlechte Gewissen erdrosselt mich fast. Hätte ich das ahnen müssen? Wäre es meine Aufgabe gewesen, sie davon abzuhalten, statt sie auch noch zu ermutigen?
Wie auf Kommando dreht Bea sich um und wirft mir einen unmissverständlich strengen Blick zu. Ja, ganz offensichtlich.
Sofort mache ich mir eine mentale Notiz, mein aus dem Geburts-vorbereitungskurs nicht mehr ganz so präsentes Wissen zum Thema »Wochenbett« schleunigst aufzufrischen.

Frisch gewaschen – nicht sauber

Bei nächster Gelegenheit darf ich den zauberhaftesten aller Söhne mal wieder morgendlich fertig machen, also wickele ich meinen Augenstern und bin sehr stolz darauf, was er für süße kleine Speckringe bekommt. Er fängt an, richtig gut genährt auszusehen. Also nur meiner völlig unbedeutenden Meinung nach natürlich.
Mittlerweile bin ich auch wirklich geübt und auch wenn ich nach wie vor nicht sicher bin, ob ich alle Knöpfe erwischt habe, sieht das Ergebnis doch vorzeigbar aus.
»Hast du ihn gewaschen?«, fragt die Göttermutter.
»Natürlich«, strahle ich sie an und präsentiere stolz mein Werk.
Sie übernimmt den Kleinen und sofort bildet sich eine kleine Falte auf ihrer Stirn.
»Hm.«
»Hm, was?«, frage ich.
»Hm, naja, also sauber geht anders.« Ich sehe sie an und schiebe die Unterlippe vor. »Was meinst du?«
»Na, guck, sie hält mir das Kind entgegen und knickt sein Ohr um, sodass auch ich den hellen Schorf sehen kann.
»Oh«, mache ich kleinlaut.
Sie spreizt auch noch die Halsfalte und zu meinem Entsetzen entdecken wir einen schwarzen Schmutzstreifen.
»Sag mal, ich denke, du hast ihn gewaschen.«
»Hab ich auch«, entgegne ich empört und folge ihr zurück ins Bad zu unserem auf der Waschmaschine improvisierten Wickelplatz.
Sie zieht den Kleinen unter Protest nochmal wieder aus und jetzt wird’s echt gruselig.
Plötzlich entdecken wir in jeder Falte, Runzel und Beuge Schmutz … nein, nicht in jeder. Den Po hab ich wirklich ganz ordentlich gewaschen – und das Grübchen im Gesicht auch. Aber ansonsten kann ich mich nur wundern, wieviele »Geheimverstecke« für Dreck so’n winziger Mensch haben kann. Unglaublich, in den Bereichen zwischen den Fingern oder den Zehen, in jeder seiner drei Halsfalten, in den Runzeln, die sich in der Armbeuge und unter der Achsel bilden, sogar in der über dem Knie steht der Schmutz.
»Das kann aber jetzt nicht alles von heute sein«, protestiere ich schwach und sie wirft mir nur einen vielsagenden Blick zu.
Mir wird ganz heiß und mit jeder weiteren Entdeckung werde ich etwas kleinlauter. Das hat ja echt mal gar nicht geklappt.
»Vielleicht sollten wir ihn mal baden«, schlage ich vorsichtig vor und ernte sofort noch einen strengen Blick.
»Was?«, frage ich, mir meines Vergehens in keiner Form bewusst und ziehe die Schultern hoch.
»Sein Bauchnabel muss doch erst verheilt sein.« Wir linsen beide unter den Windelbund und betrachten den hellroten Nabel, von dem vor einigen Tagen das mumifizierte Stück Restnabelschnur abgegangen ist.
Ich hatte es nur ganz vorsichtig angetippt, um das widerliche Krustentier zu berühren, um das wir bislang einen respektvollen Bogen gemacht hatten. Kaum, dass ich ihm zu nahe gekommen war, fiel das Ding einfach ab. Wie von einem elektrischen Schlag getroffen stand ich da.
»Das war ich nicht.« Meine Liebste hat nur gelacht.
»Na, das dürfte dann wohl fertig sein.« Spielerisch warf sie es zu mir rüber. Ich fing das vertrocknete Ding reflexartig erst mit der einen Hand und jonglierte es dann von einer in die andere, weil ich es eigentlich gar nicht in den Fingern haben wollte.
»Igitt, was … nein, ich … bäh.« Es gelingt mir, das Ding in den Müll zu bugsieren. Da war es an mir, ihr einen bösen Blick zuzuwerfen.
»Das war unfair – und ekelig.«
»Aber lustig«, fügte sie hinzu und grinste mich an, »und es sieht wirklich gut aus.«
Nette Anekdote. Wieder ein wichtiger Schritt. Also gucke ich ihr über die Schulter und betrachte den kleinen rosa Schmutznabel, dem mein Sohn sein Leben verdankt.
»Lass uns heut nachmittag Bea fragen.« Und so machen wir es.

Hebamme Bea bestätigt unsere Einschätzung.
»Ja, euer Kleiner ist badefein.«
Gespannt sehen wir sie an. Und sie uns.
»Also wollen wir?«
Oh ja, wir wollen … wollen wir doch, oder? Ich blicke sicherheitshalber die Gattin an, die mir zunickt und beeile mich daraufhin ins Bad zu kommen. Die Wanne steht ja schon seit Wochen hier rum und stört mich jeden Tag beim Duschen. Total nervig, aber jetzt ist ihr großer Moment! Ich will schon anfangen, sie in unserer Badewanne stehend zu befüllen, als Bea hinter mir auftaucht.
»So wird das aber nichts.« Ich blicke zu ihr auf und zucke hilflos mit den Schultern.
»Na, das ist doch total unangenehm für Sie und da unten haben Sie den Kleinen auch nicht gut im Griff. Sie sollten die Wanne höher lagern.«
Okay … mein Gehirn fängt an zu arbeiten. Unser Bad hat 4m2 wie um Gottes Willen soll ich da einen Hochbau … ein Geistesblitz durchzuckt mich und ich baue in dem winzigen Bereich zwischen Heizung und Waschbecken das Bügelbrett auf. Auf halbe Höhe eingestellt mit der Wanne oben drauf hat es genau die richtige Arbeitshöhe für das erste Bad unseres Glückskindes.
Bea nickt zustimmend und dann geht’s los. Ich fülle Wasser mit dem Duschschlauch ein und behalte dabei mit Argusaugen das Badethermometer im Auge. Wenn mir eines nicht passiert, dann meinem Sohn sein erstes Bad zu versauen, weil die Temperatur nicht perfekt ist. Für die Gradzahlen auf dem kleinen Ding bräuchte ich normalerweise eine Brille. Für das strahlende Kindergesicht neben dem entsprechenden Strich, der die optimale Babybadetemperatur anzeigt, reicht es jedoch gerade.
»Bereit«, verkünde ich.
Vorsichtig bugsiert Bea den Zwerg in die Wanne und zeigt uns, wie wir ihn unter der Achsel haltend auf den Unterarm betten, damit das Köpfchen in jedem Fall aus dem Wasser bleibt, wir jedoch mit einer Hand auch waschen können.
Fasziniert beobachte ich, wie der Kleine es zur Kenntnis nimmt, dass warmes Wasser ihn umfängt. Eigentlich sollte das doch irgendwie positive Erinnerungen wecken. Baden nicht angeblich alle Kinder gern, so von wegen Mutterleib und Fruchtwasser und so?
Meiner jedoch sieht so aus als müsse er sich das erstmal genauer anschauen. Er verzieht keine Miene, behält nur seine Mutter fest im Blick, als wolle er prüfen ab wann es Zeit wäre, in Panik oder andere extreme Reaktionen zu verfallen. Mit vereinten Kräften machen wir Erwachsenen lustige Bade- und Blubbergeräusche, um ihm ein Lächeln zu entlocken und ihm eben eine positive Erfahrung zu vermitteln. Er jedoch bleibt dabei und läßt die Prozedur mit stoischer Gelassenheit und fest zusammengekniffenen Lippen über sich ergehen.
Nach ein paar Minuten ist das Spektakel schon vorbei. Schnell den Kleinen in sein viel zu großes Kapuzenhandtuch gehüllt und dann darf ich meine tolle Konstruktion aus dem Bad schon wieder zurück bauen.
Derweil wird der junge Mann schon wieder angezogen – erstaunlicherweise ohne Protest, und zum Trinken angelegt.
Bea nickt zufrieden.
»Das machen Sie alles ganz prima, der kleine Mann hat super zugelegt, ist agil und gut drauf. Dann ist mein Job hier wohl erstmal getan. Sie können mich aber gern jederzeit anrufen, wenn nochmal was sein sollte.«
Ein Anflug von Panik bemächtigt sich meiner. Bislang war es ein sicherer Anker, dass sie noch hin und wieder mal vorbeigekommen ist. Wie sollen wir denn jetzt dauerhaft ohne jede Anweisung … ich schlucke. Selbst in meiner höchsten Verzweiflung ist mir natürlich völlig klar, dass dieser Moment früher oder später mal kommen musste. Meine Hebamme, die ich ja sicher auch irgendwann mal gehabt habe, hat mir schließlich auch nicht mehr beim Schuleintritt die Hand gehalten und zur Konfirmation war sie auch nicht … und trotzdem … Bea hat meinen entsetzen Blick aufgefangen und lächelt mir aufmunternd zu. Während sie mir zum Abschied die Hand schüttelt, sagt sie: »Sie schaffen das schon.« Ich nicke und räuspere mich.
»Danke – für alles.« Bringe ich heraus und sie dann zur Tür.
Die Finalität des »Allein-verantwortlich-Seins« trifft mich nochmal mit voller Wucht als die Tür hinter ihr zufällt. Ich schlucke und lehne mich kurz von innen gegen die geschlossene Tür. Jetzt kommt es also auf uns an: Auf Mama und Papa. Papa … oh Gott, Felix, hoffentlich hast du dir das wirklich gut überlegt.

– Ende der Leseprobe –

… und hir nochmal zum mitnehmen!

Direkt zur Bestellung!